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Grzegorz Stach
Einführung zur Ausstellung
in der Wojewodschafts- und Stadtbibliothek Gorzów Wielkopolski
21. Februar 2025
siehe aktuell
Zu Beginn möchte ich dem Direktor der Bibliothek, Herrn Szenwald, und seinen Mitarbeitern dafür danken, dass sie diese Ausstellung in Gorzów möglich gemacht haben und für ihr Engagement bei deren Umsetzung. Der erste Versuch scheiterte 2020, da sie aus pandemischen Gründen kurzfristig nicht eröffnet werden konnte. Martin Hoffmann ist daher einem größeren Kreis von Kunstliebhabern in Gorzow Wielkopolski noch nicht bekannt.
Martin wurde 1948 in Halle an der Saale im damaligen Ostdeutschland geboren. Bis 1975 studierte er dort und in Ost-Berlin Mathematik, danach studierte er im Rahmen des Abendstudiums künstlerische Druckgrafik an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin-Weißensee.
Schon 1975 begann er seine kreative Arbeit als Maler und Grafiker. Er gab auch Kunstunterricht in Pankow und widmete sich einige Jahre später der Gestaltung von Plakaten zu politischen und ökologischen Themen. Zur Zeit der Solidarnosci-Bewegung in Polen 1981 war er Mitbegründer und aktives Mitglied des Friedenskreises an der evangelischen Kirche in Berlin-Pankow. In dieser Zeit kam er mit seiner heutigen Partnerin, Katrin, zusammen, die von ihren Freunden Tinka genannt wird.
Das war fünf Jahre nach dem Erscheinen des autobiografischen Romans „Kindheitsmuster“ von Christa Wolf in der DDR im Jahr 1976, in dem auch Tinka als Tochter der Autorin ihren Platz hatte und ihre Mutter bei einem Besuch - eben in diesem Gorzow - unter dem Namen Lenka begleitete. Heute ist Tinka wieder da, als Begleiterin ihres Mannes, diesmal mit ihrer Tochter Helene und Enkel Oskar.
So war 1981 für Polen die Zeit des nationalen Befreiungsaufstands, während in Ostberlin gerade sich unter Mitwirkung von Martin ein Friedenskreis in einer evangelischen Kirche bildete. Für diejenigen unter Ihnen, denen das sozialistische Bruderland jenseits von Oder und Neiße fremd war, sei hinzugefügt, dass es eines der strengsten sozialistischen Regime mit der genauen Überwachung seiner Bürger war. Martin stand also von Anfang an unter Beobachtung. In Hohenschönhausen, nicht sehr weit entfernt von der Kunstschule, wo er Grafik studierte, gab es das Untersuchungsgefängnis des Staatssicherheitsdienstes. Alle fürchteten das. Aufgrund dieser Erfahrungen war er 1990 Mitbegründer und ist bis heute Förderer von Amnesty International in den neuen Bundesländern.
Doch Martin ist trotz seines Engagements kein politischer Aktivist geworden, sondern ein Künstler. Vielleicht - um Friedrich Nietzsche zu zitieren - „weil die Kunst es uns ermöglicht, ein Leben zu führen, das uns von einer erschreckenden Wirklichkeit entfernt“.
Martin hat sich also der Kunst und dem künstlerischen Schaffen zugewandt. Er fertigt Collagen, Zeichnungen, Gebrauchsgrafiken, Kunstprojekte und Buchumschläge an. Außerdem verschickt er per E-Mail jeden Sonntag mit eigenem Text ein Werk eines anderen Künstlers an ein begrenztes Publikum.
Heute werden wir seine Zeichnungen und Collagen sehen können. Wie Sie gleich erkennen werden, handelt es sich dabei nicht um Werke, die mit ein paar Handgriffen in einem momentanen Gefühlsausbruch entstehen, sondern um kalkulierte, berechnete und in mühevoller Arbeit über einen Zeitraum von Wochen, manchmal Monaten ausgeführte Arbeiten. Dabei hat der Künstler eine einzigartige und eigentümliche Technik entwickelt, die eine kurze Einführung erfordert.
Beginnen wir mit den Collagen. Es handelt sich um Arbeiten auf einer Sperrholzplatte, die mit einer Acrylschicht als farbiger Unterlage überzogen ist. Auf die Oberfläche der Unterlage klebt der Künstler Streifen aus dünnem Pergaminpapier, die, in Fetzen gerissen, im Laufe der Werkentstehung Gestalten formen. Die verschiedenen Teile des Gesichts erscheinen nacheinander und bilden Köpfe. Augen, Ohren, Nase, Haare werden sichtbar. Während die Figuren entstehen, bilden sich langsam Teile des Körpers heraus. Kopf, Torso, Arme, Beine treten in Erscheinung. Auch eine gewisse Dynamik, eine Wirkungskraft entsteht.
Im kreativen Prozess haben die Objekte der Collagen eine große Autonomie. Im Dialog mit ihnen bezeichnet der Schöpfer sie als Gäste, denn er weiß nie genau, wer ihm gegenüber erscheinen wird. Er achtet genau darauf, dass die Augen keine Melancholie ausstrahlen, sondern eher eine innere Träne oder Zweifel. Und so sind sie manchmal traurig, manchmal zweifelnd oder wenden sich mit einer Frage an den Empfänger. Und immer suchen sie den Kontakt zu demjenigen, der ihnen gegenübersteht und laden ihn zum Dialog ein. Es liegt am Betrachter, zu entdecken, was er in ihnen erkennt, indem er seine Wahrnehmung in ihnen wie in einem Spiegel reflektiert. Martin legt dabei keinen Wert darauf, welches Geschlecht sie haben. Und das hat nichts mit Gender-Debatten zu tun. Wie viele Mädchen ähneln ihren Vätern und wie viele Jungen ähneln ihren Müttern... Der Zuschauer hat bis zum Schluss eine große Chance zum individuellen Dialog mit den Figuren und ihren Köpfen.
Nun gehen wir jetzt zu den Zeichnungen von Herrn Hoffmann über. Anders als die Collagen sind sie von vornherein mit einer bestimmten Absicht konzipiert und ausgeführt. Sie sind sehr langwierig zu erstellen. Der Künstler vermeidet Striche und die Linien sind das Ergebnis starker Kontraste. Er verwendet verschiedene Grautöne, um uns verschiedene Räume zu zeigen. Sowohl geschlossene als auch offene Räume. In ihnen tauchen keine Menschen auf, höchstens ihre Schatten. Die Art der Darstellung der Zeichnungen könnte daher als puristisch bezeichnet werden. Die Motive sind teilweise verstörend, manchmal sogar einschüchternd. Aber sie lassen auch Raum für das Nachdenken des Betrachters über das Innenleben des Künstlers, seine Wahrnehmung der Realität und seine Interpretation derselben. Diese leeren Räume laden mich persönlich ein, in sie einzudringen, und ich tue es ohne Hemmung, denn sie sind nicht besetzt und außer mir ist niemand in ihnen. Ich möchte Sie alle einladen in sie einzutauchen und sie auf sich einwirken zu lassen. Ich danke Ihnen.
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