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Hans Misselwitz

Vernissage zur Ausstellung »Werktätige mit Faltbeutell«
Wernigerode · 9. September 2015

Meine Damen und Herren, …
Ihnen in etwa zehn Minuten eine Einführung zu dieser Ausstellung von Martin Hoffmann zu geben, die ihr gerecht wird, ist eigentlich unmöglich. Da ich, der ich kein Kunstkritiker bin, gar nicht erst versuchen werde, seine Kunst zu bewerten, sein Werk zu würdigen, böte es sich an, an dieser Stelle eine Rede über den Menschen oder über den Künstler oder über den Freund Martin Hoffmann zu halten. Auch da wage ich mich in der Kürze der Zeit nicht heran. Ich entscheide mich dafür, davon zu sprechen, welche Gedanken sich bei mir mit dieser Ausstellung verbinden - als jemand, für den Martin Hoffmann seit über 30 Jahren mehr als ein Zeitgenosse war. Die Zeit, die uns hier entgegentritt, die seine Collagen ergründen, ausleuchten, war für uns beide eine Zeit intensiver Auseinandersetzung mit den Verhältnissen, in denen wir lebten.
In dieser Ausstellung tritt uns eine Zeit entgegen, die viele hier miteinander teilen. Vergangenheit, aber in einem ganz anderen Sinn als zum Beispiel die letzten 25 Jahre. Diese Vergangenheit hat keinen Anschluss zur Gegenwart. Sie ist nicht anschlussfähig an den Lauf der Geschichte, den wir seit 1990 gemeinsam erleben. Die Zäsur, das Ende der DDR, schließt deren Geschichte nicht etwa nur ab, sie hebt sie auf. Wenn wir uns ihr zuwenden, dann ist immer etwas erklärungsbedürftig, damit es heute verstanden wird - so dass wir ihr immer wieder neu oder anders begegnen.
Als eine biografische Tatsache, die gelegentlich zu Stellungnahmen herausfordert, zu Erklärungen, je nach dem was zur Debatte steht, kommen wir um diesen Vorgang der Verarbeitung nicht herum. Und zwar trotz zweier Behauptungen, die Illusionen erzeugt haben. Die eine, die Rede von der »Wiedervereinigung«, die unterstellte, die Ostdeutschen könnten die Geschichte einfach ablegen wie ein System, und die andere, die mit dem Begriff »Aufarbeitung« der Vergangenheit Glauben machte, sie wäre dadurch zu erledigen.
Als Martin Hoffmann zum 9. November 1999 anlässlich des 10. Jahrestages des Mauerfalls in der Potsdamer Staatskanzlei eine große Ausstellung präsentierte, nannte er sie »Mauern – Bausteine und Bruckstücke«. Darin gab es wie Litfaßsäulen gestaltete Ausstellungsobjekte mit den Titeln »an …, in …, mit …, trotz …, durch …, über Mauern«. Es war der Versuch, der damals bereits etablierten Erzählung von diesem grandiosen Ereignis des Herbstes 1989 etwas hinzuzufügen: Die vielen Dimensionen des Lebens in der DDR, in die sich sichtbar oder unsichtbar die Mauer fortsetzte, verinnerlicht, ignoriert oder überwunden wurde, lähmte oder die Fantasie beflügelte, und nicht einfach weg war von einem Tag auf den anderen.
Die offizielle Erzählung erklärte im Mauerfall die deutsche Einheit besiegelt, die Menschen befreit, in den Westen zu gehen. Das Ereignis von 1989 war im Ergebnis von 1990 untergegangen. Vergessen das Jahr des Ringens um Demokratie in der DDR, die Erinnerung an eine unglaubliche Zeit politischer Gestaltung und demokratischer Kultur im letzten Jahr der DDR. „Wir waren das Volk“ kommentierte damals treffend ein riesiges Plakat am Berliner Alexanderplatz in weißen Lettern auf schwarzem Grund.

Viele der damals für die Potsdamer Ausstellung akribisch zusammengetragenen Bilder, Dokumente, Formulare, Berichte, Propagandamaterialien finden sich nun in einer ganz anderen Komposition in dieser Ausstellung wieder: Sie bringt die verschieden Dimensionen des Lebens und des Systems auf einer Zeitschiene zusammen, macht gewissermaßen zeitgleich, was es gab - »an, mit, trotz, durch, in, über« der Mauer. Einzelne und Massen, Enge und Weite, Arbeit und Freizeit, Aufbau und Verfall. Die Geschichte begegnet uns als Alltag, nicht in der Draufsicht, sondern als Querschnitt durch verschiedene Ebenen, als Angebot, den je eigenen Zipfel Zeit zu suchen und finden, um zu erfahren, welche Zugänge zu anderen Ebenen der gleichen Zeit sich da öffnen.
Warum ist nach 25 Jahren dieser differenzierte Einblick in eine vergangene, verlorene Zeit nötig, wichtig, angezeigt? Weil es um eine unerwartet nahe Vergangenheit geht, um Verdrängtes, das in irgendeiner Form an seiner Aufhebung arbeitet, durch Verklärung wiedererscheint. Und uns plötzlich fremd, befremdlich gegenübersteht. Der Ruf „Wir sind das Volk!“, 25 Jahre später. Pegida. Erkennen wir uns da wieder?
Die vorrangige Befassung mit der DDR als Diktatur, totalitärer Staat und Unterdrückungsregime hat viel über Versagen, Verrat und Verfolgung zutage gebracht. Den Rest behandelte man in der Öffentlichkeit in aller Regel als Folklore, als Kuriositäten einer ausgestorbenen Kultur, befremdlicher Moden und Designs, veralteter, folglich schrottreifer Technik. Wenige machten sich die Mühe, die Bedingungen zu würdigen, die Prägungen, die aus der DDR mitgebracht wurden, die typischen Arbeitsbeziehungen, deren kultureller Ausprägung und wertemäßigen Verinnerlichung.
Der Soziologe Wolfgang Engler spricht nicht ohne Doppelsinn von der DDR als einer »Diktatur in Grenzen«, also strikter Grenzziehung nach außen, aber horizontal durchlässig. Im Innern gelten Werte, Normen und Zielvorstellungen, die er auf den Begriff einer »arbeiterlichen Gesellschaft« bringt, die die »Verarbeiterlichung« der bürgerlichen Schichten und das Abschmelzen sozialer Barrieren und Differenzen erfolgreich bewerkstelligte, um schließlich an eben diesem Erfolg zu scheitern, am Mangel an Effizienz und Individueller Verantwortung.
Überlebt haben davon weithin Gleichheitsansprüche, nicht als Versorgungsmentalität, sondern als soziales Wertesystem, egalitäre Orientierungen. Deren Kehrseite sind Konformitätserwartungen, die nicht nur soziale Unterschiede schwer ertragen, sondern auch kulturelle Differenzen, also Intoleranz gegenüber abweichenden Lebensformen.
Warum heißt das „Werktätige mit Faltbeuteln“?
Zunächst: »Werktätige mit Faltbeuteln« waren unübersehbar Pärchen meist junger Männer, die zu Staatsbesuchen oder in Erwartung ungesetzlicher »Zusammenrottungen« das Straßenbild prägten. Stasi im Einsatz, vergeblich getarnt als Volk, das es so nicht mehr gab.
Es war eben nicht alles Stasi. Das Erbe, das diese Gesellschaft hinterließ, lässt sich darauf nicht reduzieren, aus den Akten heraus verstehen. Eine Gesellschaft, die Gleichheit und Sicherheit / Geborgenheit zu ihrem Ideal erhoben hatte (Niemand sollte sich über den anderen erheben, aber auch niemand sollte untergehen.) hatte eine Schwäche: Fremden, Außenseitern, jene, die die Normalitätserwartungen der Umwelt provozierten, schlug schnell Feindschaft entgegen.
Angst vor Abweichung und Abweichlern nährte Intoleranz, Fremdenhass, die böse Seite immer bereiter Anpassung. Die passte auf die Parole „Einheit“, als Freiheit erst hätte gelernt werden müssen, die »Volk« rief und »deutsch« meinte.
Alles Stasi? Nein.

 

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