Als Material verwende ich
dunklen Karton oder dunkel angestrichenes Sperrholz,
durchscheinendes Papier und Klebestifte.
Gerissene Papierfetzen klebe ich übereinander,
Schicht um Schicht oder schäle Partien wieder ab.
Es gibt keine Vorzeichnung.
Eine Person habe ich nicht vor Augen.
Das Antlitz der Gäste, die auf den Collagen zu mir kommen, kenne ich vorher nicht.
Mit den ersten Papierstücken entsteht eine Bewegung auf dem Dunklen.
Mit ihr trete ich ins Gespräch, ich möchte ein Gegenüber kenntlich werden lassen. Später gilt es, die gewordene Form nicht zu schließen,
den Prozess des Annäherns nicht zu beenden.
Das Reißen des Papiers assoziiert das Nicht-»Ganze«, Nicht-»Heile«,
das Durchscheinen bringt die herbeigesehnte Vielschichtigkeit ins »Bild«
und Kleben ist ja an sich ein Zusammenfügen,
auch Verweben.
Susanne Rockweiler
Mal fragend, mal traurig, mal verzweifelt über den Stillstand – suchen sie einen Blick, ein Gegenüber. Ein Augenpaar, das sich traut, Kontakt aufzunehmen. Vielleicht liegt die Scheu des Anschauens in den Einflüssen und Erfahrungen des vorherigen und des jetzigen Jahrhunderts.
2020 · der ganze Text
Großer Kopf Sommer 2019
2019 ⋅ Collage, 100 x 70 cm
Frühere Bemühungen, Köpfe zu zeichnen oder zu malen, blieben »flach«.
Erst die Technik der Collage ermöglichte mir den Versuch,
das, was einer nach dem 20. Jahrhundert von den Verletzungen und Missachtungen
des »Menschen« auf der einen Seite und
seinen unfassbaren Möglichkeiten andererseits
wissen kann,
in eine bildnerische Darstellung ahnbar zu wandeln.
Im Lauf der Jahre kam – mich selbst immer wieder staunen machend – eine Schar von imaginierten Köpfen und Figuren zu mir.
So sehen meine Bemühungen um ein »heutiges Menschenbild« aus.
Gerda Lepke
Es ist wohl ein Grenzbereich der Selbstbefragung, der sich im Zusammentragen von durchsichtigen Papierschnipseln, kleinstteilig aufgeklebt, ergibt. … Der Arbeitsgang erscheint wie ein unendlich übereinandergelegtes Labyrinth – das Auge folgt dem imaginären Prozess der Darstellung. Hoffmanns Köpfe provozieren, haben keine unmittelbare Wirklichkeit. Es ist als wären durchsichtige Masken erfundener Lebender im Raum. Eine andere Realität wird behutsam ausgebreitet.
Das Einsehen in die Köpfe-Collagen erlebe ich als langsamen Gesprächsprozess im Für und Wider, in der Ab- und Zuwendung.
Aus der Ansprache von Gerda Lepke zur Ausstellung im Geraer Kunstverein e.V. Januar 2007
der ganze Text
Christa Wolf
Ich versuche zu formulieren, was für einen Eindruck die Köpfe auf mich machten, als ich sie zum ersten Mal sah: Überraschung, Erstaunen, fast Erschrecken. Als ob sie sich von ihrem Hintergrund lösten und sich auf mich bewegten. Mit einem Kopf, den du mir geschenkt hast, der ein etwas kleineres Format hatte, sage ich, ist mir folgendes passiert: Er hing in meinem Arbeits- und Schlafzimmer in Mecklenburg und starrte mich die ganze Zeit auf bohrende Weise an. Ich musste ihn weghängen, in eine andere Ecke, von wo aus sein Blick mich nicht traf.
Aus Christa Wolf »Köpfe«, 2010
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David Grossman
And your „Heads“ are so impressive!
Full of movement and „occurencies“,
deep and intimate and dramatic.
Aus einem Brief
Jan Heinke
Hoffmanns Köpfe, auch wenn ihre Hände nicht zu sehen, ihre Augen nur zu ahnen sind, schauen uns an, sie MEINEN uns. Erwidern wir ihren Blick, betreten wir eine entzeitlichte Welt der Mutmaßungen. Kommen sie aus oder verschwinden sie ins Nichts? Keine Umgebung gibt einen Hinweis auf Herkunft und Geschichte. Unbekleidet und von dünnhäutiger Offenheit gewähren sie aber einen direkten Blick in ihr Inneres, auf Spuren eines gelebten Lebens.
Ihr Ausdruck zeugt von einer unausgesprochenen, doch deutlichen Haltung, Gestimmtheit und Meinung und durchkreuzt unsere Sicherheit gegenüber dem Fiktiven.
Reinhard Dircks
Wer diese Köpfe betrachtet wird vielleicht zunächst das Gesicht darin suchen. Automatisch fragt sich welcher Ausdruck mir dort begegnet. Und mag etwas Ernstes, Trauriges, Nachdenkliches oder auch Verschmitztes darin lesen. Je nachdem. Vor allem ist eines bedeutsam. Wir sehen es. Wer sich in diese Bilder hineinvertieft wird womöglich ein Gegenüber sehen. Vielleicht sieht man sogar eine Botschaft darin. Eine Botschaft, die ein Ausrufungszeichen verdient oder doch eher ein Fragezeichen?
Ja, diese Bilder wirken gar nicht wie ein Objekt, das ich ansehe, sondern zugleich wie ein Subjekt, das mich betrachtet.
Doch täuschen wir uns nicht: Es sind keine Subjekte – es sind Bilder. Wenn, dann sind wir es selbst, die darin ein Subjekt erkennen. Wir sind es selbst, was wir darin sehen. Ja, wer diese Bilder versucht zu lesen, wird sie immer mit den eigenen Augen lesen, womöglich die eigene Lebens Geschichte darin erkennen. Die Lebensgeschichte, die ich hatte, die ich nachspüren kann, an die ich mich erinnere – vielleicht eben nur schemenhaft oder eine Geschichte, die ich vermeiden konnte. Wie auch immer: Was sie auszeichnet ist, dass man darin eine Begegnung erfahren kann. Eine Begegnung mit mir und meiner Deutung.
Vernissage zur Ausstellung »Gäste« in der Hauptkirche St. Petri Hamburg · 2018
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Christian Lehnert
Ich habe über diesen Köpfen ganz neu darüber nachgedacht, was eigentlich ein Gesicht ist. Das Wort scheint schon alles zu sagen: eben das zuerst Sichtbare am Menschen. Aber ganz so einfach ist es nicht, das haben mir diese Köpfe gezeigt, die zwar immer sichtbar aber nie dieselben sind. »Prósopon« – der griechische Ausdruck für das Gesicht – bringt das besser zum Ausdruck. »Prósopon« bezeichnet im griechischen Wortsinn das, was jemand der Sicht des anderen entgegenbringt. Das Gesicht ist also etwas, was jemand zeigt. Es ist nicht einfach da, sondern es wird von dem, der es zeigt, und von dem, der es betrachtet, auch gemacht. Menschen haben ihr Gesicht nicht für sich, sondern für andere. Was ein Gesicht ist, vollzieht sich zwischen Menschen.
Rede zur Finissage der Ausstellung Martin Hoffmann
am 19. März 2010 in der Evangelischen Akademie Lutherstadt Wittenberg
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