Rainer Ehrt
3. Mai 2026 · Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung von Gudrun Sailer und Martin Hoffmann
im Landarbeiterhaus · Kunstverein Die Brücke e.V.
Fotos
Stille und Sturm:
Gudrun Sailer und Martin Hoffmann im Landarbeiterhaus
Liebe Kunstfreunde, ich begrüße unsere beiden Gäste Gudrun Sailer und Martin Hoffmann.
Die beiden so unterschiedlich geformten Antlitze, die wir für die Einladung gewählt haben, verraten schon einiges über die durchaus unterschiedlichen Handschriften und Materialien der beiden – eine tönerne, gebrannte, plastische und eine collagierte, papierne,flächige, – was sie gemeinsam haben ist vielleicht der wissende Blick, der Ausdruck stillen Erschreckens, oder erschreckender Stille.
Die Sedimente der Erdzeitalter haben lange genug geruht: Tonschlämme und ihre speziellen Extrakte, ihre farbigen Pigmente, Gudrun Sailer bringt sie in diese von ihr gebannte gebrannte Lebendigkeit, in einer ganz spezifischen, gewissermaßen barocken Bewegung, impressive dreidimensionale Zustände, wütend oder sanft oder bewusst fragmentarisch, aber immer entschieden geformt mit den Händen, deren Spuren sichtbar bleiben.
Gudrun Sailer stammt aus Thüringen, hat die Urgründe des Töpferhandwerks in Retzow und Bürgel gelernt und die Fachklasse Plastik/Keramik an der Kunsthochschule Halle Burg Giebichenstein absolviert. Seit 1991 ist sie freischaffend in Eberswalde, inmitten der eiszeitlichen märkischen Moränen des Oderlandes. Gesiedelt und gebaut hat man hier immer schon mit Holz, Lehm und den von den Gletschern zurückgelassenen Steinen des Feldes. Bis die Mönchsorden, von ihren Mutterklöstern im Westen und Süden ausgesandt, an klug gewählten Plätzen zu bauen begannen und dazu den Tonschlamm zu Ziegeln brennen ließen. Diese bermillionenfach geformten und genormten Quader nun, zu kubischen Räumen oder Säulen oder Gewölben zusammengefügt umgeben uns mit ihrer selbstverständlich gewordenen, schweigenden soliden Gegenwart, und sie sind schön, gerade wenn sie nicht unter Putzschichten versteckt sind. Ich sah Gudrun Sailers keramische Skulpturen und Installationen vor kurzem in den Räumen des Klosters Chorin. Dort klangen zusammen die Materialität und Farbigkeit der Objekte mit ihren in Mineralfarben gebrannten Oberflächen mit dem hellen Beige der kalksandigen Mörtelschichten und dem vielfach fein abgestimmten roten Ockertönen der nackten Klosterziegel zu etwas, das man wie eine intensive, sanfte Festlichkeit empfindet.
Ähnlich geht es einem nun auch hier in den einstigen Armeleutewohnzimmern unseres Landarbeiterhauses – Es ist neben Festlichkeit auch eruptive Dynamik und der optische und taktile Reiz von glänzend und rau darin, aber auch eine tiefere Dimension, denn was wären die leeren Räume mit ihrem gleichförmigen Raster des Ziegelverbunds (denn er ist es, der alles trägt, sei er nun offen oder verdeckt) ohne das Spiel der frei geformten Sailerschen Figurationen darin?
Es ist da auch eine verborgene, vielfach verschlungene gemeinsame Wurzel: – Zu formen, was die Erde, die uns trägt uns schenkt, nutzbringend und schön zugleich, und es durch Feuer haltbar zu machen, freilich auch zerbrechlich. Es ist das Gegenteil von Glätte oder Gefälligkeit in Gudrun Sailers Arbeiten, dazu die hohe Kunst, mit kundigem Blick und professioneller Freiheit auch Intuition und Zufall sprechen und den Rest die tausend Grad des Brennofens besorgen zu lassen.
Gudrun Sailers Bilder nun sprechen eine verhaltenere Sprache an der Grenze zur Abstraktion – als wären die sanften Pastelltöne ihrer Glasuren auf die Leinwände ausgewandert.
Die Freiheit ist ein historisches, nicht bloß ein geistiges Phänomen oder Gedankenspiel. Sie entsteht aus den konkreten historischen Bedingungen. Die geschichtliche Praxis bringt im Verlauf ihrer Entwicklung in ihren verschiedenen Stadien, Begriffe wie Wesen, Substanz, Selbstbewusstsein, reine Kritik, sowie religiöse und theologische Vorstellungen hervor, doch derselbe Entwicklungsprozess wirft, sobald er eine hinreichende Reife erreicht hat, diese Hervorbringungen wieder ab und geht über sie hinaus. Wenn wir aber sehen wollen, was die Kunst in diesem Prozess bedeutet, wäre nun Schiller zu zitieren gültig wie vor zweihundert Jahren: „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“.
Das künstlerische, publizistische und, ja auch politisch eingreifende Künstlerleben von Martin Hoffmann könnte man zwischen die Pole Freiheit und Verantwortung, Empathie und Autonomie, Widerstehen und Hoffen stellen. Aus Halle an der Saale stammend, besuchte er nach einem Mathematikstudium Abendkurse an der Kunsthochschule Berlin Weißensee und ist seit sage und schreibe einem halben Jahrhundert als freiberuflicher Maler und Grafiker, Buchgestalter und Ausstellungsmacher unterwegs. Sein umfangreiches und vielgestaltiges Werk zeugt davon dass – grob gesagt – Kunst und Politik, oder genauer gesagt zum Beispiel subtilste Handzeichnung und kritisches Flugblatt, sensible Collage und doppelbödiges Schriftplakat, stupende grafische Konzentration und Widerständigkeit gegen staatliche Repression, Krieg oder Umweltzerstörung sich nicht nur nicht widersprechen, sondern einander bedingen können.
Es ist Widerstand nötig gegen die Willkür der Mächtigen einst im Osten, und gegen die Arroganz des Geldes oder gegen die Gleichgültigkeit gegenüber den Schwächsten heute. Widerstand auf dem Gebiet der Kunst aber eben vermittelt, also mit künstlerischen Mitteln.
Ich sprach schon vom wissenden Blick, dem Ausdruck stillen Schreckens oder erschreckender Stille, der einem aus Hoffmanns über Jahre gewachsener Riesenserie mit feinem halb transparentem Seidenpapier collagierten Köpfen entgegen blickt, von denen eine kleine Auswahl hier zu sehen ist. Es sind konzentriert sprechende Antlitze und Gestalten, voll Fragen und Nachdenken, in ihrer transparenten Schichtung zugleich verschleiert und nah, und sie entsprechen in ihren – bei aller formaler Ähnlichkeit – schier unendlichen Variationen vielleicht auch den unendlichen Schichtungenund Verschlingungen menschlicher Empfindung und Wahrnehmung. Hoffmann visualisiert sozusagen Röntgenblicke in die Seele, wie sie eben nur mit künstlerischen Mitteln möglich sind. Mitunter sind sie sehr genau auch zeitgeschichtlich lokalisiert, wenn man die Entstehungsdaten betrachtet: Corona und Krieg, Terrorakte, Xenophobie und mediale Hysterie.
Subtiles Fragen, doppelbödiges Schattenspiel ist auch in den aufs feinste schraffierten Graphitzeichnungen oder fotorealistisch lasierten Tuscheblättern zu finden: Der bevormundete oder der verwaltete oder der manipulierte oder der zum verbrauchten Verbraucher degradierte Mensch ist hier abwesend und zugleich dennoch anwesend, nämlich in Gestalt des Betrachters, also in uns.
Nun noch ein doppelter poetischer Schluss – gewidmet unseren beiden Gästen wie auch Euch/Ihnen, die sie der zeitgenössischen Kunst im Allgemeinen und unserem Kunstverein im Landarbeiterhaus im Besonderen hoffentlich treu bleiben:
Zuerst Franz von Schober (1812):
Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,
Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,
Hast du mein Herz zu warmer Lieb‘ entzunden,
Hast mich in eine bessre Welt entrückt!
Oft hat ein Seufzer, deiner Harf‘ entflossen,
Ein süßer, heiliger Akkord von dir
Den Himmel bessrer Zeiten mir erschlossen,
Du holde Kunst, ich danke dir dafür!
Und Volker Braun:
Die Kunst (2012):
Sie tanzt auf den Gräbern, mit Grazie
Mit ihrem wilden Gedächtnis.
WIR KÖNNEN JA NICHTS BEHALTEN: Sie
ruft die Vergessenen herauf,
Mit ihren Messern und Forderungen. Erloschene
Liebe, kalter Zorn, vertane Zeiten. Was
Ist der Gedanke, dass wir sterblich sind
Gegen das GROSSE UMSONST. Sie wagt es zu denken
Im Untergrund, wo alles lebt.
Wie, ist es möglich? dass die Verhältnisse tanzen
Die Ausstellung ist eröffnet.