Anke Paula Böttcher

Eintrag ins Gästebuch

2024
in: Martin Hoffmann Gäste versammeln. Kenntlich machen
siehe Kataloge

»Fremder: Erstickte Wut tief unten in meiner Kehle, schwarzer Engel,
der die Transparenz trübt, dunkle unergründliche Spur.«

Lieber Martin, Deine Köpfe und Figuren wandeln den ersten Satz aus Julia Kristevas Fremde sind wir uns selbst (1990 ) in jedem seiner Teile ins andere – 
hoffnungsvoll(erweise).

Erzeugt der Versuch rigoroser Vermeidung inhaltlicher Bedeutung Leere oder Fülle ?
Fragen ?
Wenn das Gegenüber nicht jene, jener oder jenes ist, 
kann es dann jede, jeder, jedes sein ?
Befreit uns die Anonymität aus der Enge einer Zuschreibung ?
Führt gewonnene Offenheit zu mehr Nähe ?
Wenn das Gegenüber kein Spiegelbild ist, 
kann man sich dennoch im Gegenüber spiegeln ?
Sind wir mutiger, hinzuschauen, wenn niemand zurückschaut ?
Wie viel Zeit bleibt wegzuschauen, wenn jemand zurückschaut ?
Berührt uns erst etwas, wenn wir eine Geschichte und einen Namen kennen ?
Wollen wir noch Geschichten und Namen kennen ?
Ist die Schicht, die zusammenhält, eine Membran ?
Ist sie trennend oder verbindend ?
Wie durchlässig ist sie ?
Wie fragil ?

Könnte uns das Wissen, dass wir im Grunde alle – jene,  jener,  jenes,  jede,  jeder,  jedes – nur Sternenstaub sind, nicht versöhnlicher stimmen ?  Nähe(r ) bringen ?
Als die Thunfischschwärme vor der sizilianischen Küste wegbleiben, 
aber täglich immer mehr Menschen ans Ufer einer kleinen Insel 
kurz vor der Festung Europa gespült werden, prophezeit der alte Fischer 
in Germana Fabianos Mattanza (2023): »Die Welt besteht aus Menschen, 
die kommen und gehen, und es wird der Moment kommen, in dem 
wir uns alle vermischen. Anstatt nicht mehr zu wissen, wer wir sind, 
werden wir deshalb nur etwas anderes sein.«