Karl-Heinz Liefert
Wenn der Herbst kommt, ziehen an manchen Tagen Nebel auf und lassen die Konturen der Landschaft sich auflösen. Was der Herbst in seinen Farben und seinen diversen Beleuchtungen sonst sicher umschreibt, ist im trüben Wetter nur vage wahrnehmbar.
Für die Einladungskarte zu Deiner Ausstellung in der Gammeliner Kirche hast Du die Collage „Großer Kopf Herbst 2023“ ausgewählt. Andere Deiner Köpfe tragen neben dem Entstehungsjahr andere Jahreszeiten oder auch Monate des Jahres im Titel.
So versuche ich, aus den Gesichtern eine Stimmung abzulesen, die vielleicht mit der angegebenen Jahreszeit korrespondiert. Der „Große Kopf Herbst 2023“ schaut mich mit leicht geneigtem Kopf an. Ich suche seine Augen, seinen Mund. Ich möchte die Regungen meines Gegenübers ergründen. Das übereinander geklebte durchsichtige Papier gewährt einen Blick über alles Oberflächliche hinweg in ein Inneres, das eine Geschichte erzählt. Erbaut sie mich, macht sie mich traurig oder macht sie mich stumm und lässt mich so von der Mitte her, wo Augen und Mund zu verorten sind, an die Ränder gehen und in den monochromen Raum träumend abgleiten und im Changieren zwischen Mitte und Rand mich schließlich selbst erkennen?
So lässt der offene Blick, der mich trifft, mich nachdenklich zurück und vieles offen.
Du sagst, Martin, über Deine Köpfe:
„Das Antlitz der Gäste, die auf den Collagen zu mir kommen, kenne ich vorher nicht.
Mit den ersten Papierstücken entsteht eine Bewegung auf dem Dunklen.
Mit ihr trete ich ins Gespräch, ich möchte ein Gegenüber kenntlich werden lassen. Später gilt es, die gewordene Form nicht zu schließen,
den Prozess des Annäherns nicht zu beenden.„
Wir lernten uns im letzten Jahr anlässlich der „Lesestunde Christa Wolf“ hier in Gammeln kennen.
In Woserin stand ich dann das erste Mal Deinen Arbeiten gegenüber. Dort sah ich neben den Collagen auch Zeichnungen, die für mich in einer unglaublichen Perfektion ausgeführt waren und Räume wiedergaben, die in Dir eine Resonanz auslösten. Dabei geht es Dir – Zitat: „um die Konzentration auf die dargestellten Situationen, die ich nicht durch eine wie auch immer gewollte „künstlerische Handschrift“ stören möchte.
Mein Blick verfing sich auch in Plakaten, die Du gestaltet hast und den Menschen und unseren Umgang mit ihnen in den Blick nehmen.
Für mich wird daran sichtbar, dass Du ein Künstler bist, der sich nicht in einem Kokon verschließt, sondern sich Menschen und Welt zuwendet.
Deine Arbeiten hier in der Kirche geben Zeugnis davon.
Als ich in der letzten Woche überlegte, welche Arbeiten Du wohl mitbringen würdest, las ich ganz unabhängig davon Gedichte von Heinrich Detering. Eines dieser Gedichte hat mich dann begleitet und hat sich mit Deinen Köpfen verbunden.
Ich möchte es jetzt lesen:
Hologramme
Memphis frühmorgens Passanten
erscheinen wie Geister sich zeigen
keiner ist wirklich und doch
huschen sie eilig vorbei
rühre sie an sie verschwinden
dann nehmen sie wieder Gestalt an
Memphis frühmorgens ein Mensch
schwebt wie ein Hauch in der Luft