Mauern – Bausteine und Bruchstücke
Ausstellung in der Staatskanzlei des Landes Brandenburg und in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung
November 1999
Idee, Konzeption und Gestaltung:
Martin Hoffmann
Realisiert mit Jens Lindner,
Stefanie Oswalt und Peter Böthig
Die mit Beton und Stacheldraht gezogene Mauer war die zuweilen – weil unabänderlich scheinend – verdrängte Existenzbedingung in der DDR: für die Einwohner:innen die zu erduldende, für das -Regime die notwendige. Vor 1989 wurde »die Mauer« über ihre Funktion der Einmauerung der Bevölkerung eines Landes hinaus zum Symbol für die gesellschaftliche Erstarrung – die Individuen lebten nicht nur »angepasst«.
Die Ausstellung thematisiert »Mauern« und spürt unterschied-lichen Brechungen und indirekten Erscheinungsformen »der Mauer« nach. Dabei richtet sie mit Beispielen aus den 1980er- Jahren den Blick auf Potsdam und das heutige Brandenburg.
Die Ausstellung versteht sich als Teil eines Diskurses über Vorgeschichten, Abläufe und Nachwirkungen des Jahres 1989.
In den Foyers der Staatskanzlei wurden Installationen, Fotos und Plakate von Künstler:innen aus Brandenburg und Berlin gezeigt. Sie thematisierten sowohl Absichten derer, die die Mauer »noch in hundert Jahren stehen« haben wollten, totalitäre Ansprüche, denen die DDR-Bürger:innen ausgesetzt waren, ebenso Versuche, sich zu behaupten – bis zur Massenflucht von 1989 und dem Beitritt zur Bundesrepublik.
In den Räumen der Landeszentrale konnten Dokumente, Texte und Fotos beispielhaft erinnern und erhellen, wie Menschen im Land hinter / vor / trotz / mit ›der Mauer‹ lebten. Staatliche und ideologische Disziplinierungen kommen ins Bild wie auch Bewegungsversuche gegen Abgrenzung und Stagnation.
Als Auftakt hatten Jens Lindner und ich eine sieben Meter lange und drei Meter hohe Wand aus Gasbetonsteinen montiert, eine zerleg- und transportierbare »Mauer«. Auf ihr hatte ich ganze Seiten aus DDR-Zeitschriften mit Reißnägeln angepinnt – visuell als »die Bausteine« im Titel der Ausstellung.
Die Bildinhalte der fünf Reihen von unten nach oben:
Natur
• Dorf, traditionelle Arbeit, historische Bausubstanz
• Industrie, Braunkohlentagebaue, Massenwohnungsbau •
Geburt, Kindheit und Jugend • Arbeit • Darüber:
Links die Selbstinszenierungen der Machthaber,
in der Mitte Bilder von Grenztruppen und Armee,
rechts Alltagsleben und Freizeit
Es gab sechs Litfaßsäulen, auf denen unter den Überschriften »an Mauern«, in …, mit …, durch …, trotz … und »über Mauern« Zeitschriftenausschnitte, Fotos, Plakate und Dokumente zu sehen waren.
Nirgends wird ein thematischer Strang ausführlich verfolgt (lauter »Bruchstücke« aus dem Titel). Alles will Einladung und -Anreiz zum Umherschweifen sein, Erinnerungen und Assoziationen aufrufen.
Zehn Jahre nach dem Mauerfall blätterte ich die alten Zeitschriften durch: schlecht gedruckt, wenige Farbseiten, immer wieder Parteitage oder Staatsempfänge, Erfolge im Sport und in der Produktion, Errungenschaften, die der Partei zu verdanken seien.
Aber dazwischen und daneben: Menschen trinken Kaffee im eigenen Garten oder in einem Bauwagen vor den Urkunden und Honecker lächelt milde vor blauem Hintergrund – dieser ganze politisch-ideologische und noch dazu kleinbürgerliche Muff. Der -gesellschaftliche Stillstand in Fotos festgehalten, und sogar gedruckt in Zeitschriften, die man im Kiosk kaufen konnte, in denen alles und jedes ideologisch geprüft, sprich zensiert war.
Mit diesem erweckten Blick fand ich dann Bilder von arbeitenden Menschen (Ganz selten in einer westlichen Zeitschrift!) oder aus Schulen und Kindergärten bis hin zu Übungen der Grenz-truppen. Die Bilder passten zu meinen Erinnerungen an mein Lebensgefühl in den 1980er-Jahren. Aber das hatte ich alles bis 1989 nicht gesehen, weil sie ja als Propaganda veröffentlicht waren.
Mappe um Mappe füllte sich und die Idee wurde immer verlockender: Breite eine solche Menge von Bildern und Dokumenten aus, dass zu sehen ist: Die Ausstellungsmacher wollen keinen historischen Parcours zur Aufklärung oder Bewertung aufbauen.
Dann suchte ich nach einer möglichst wenig hierarchischen Präsentation und kam auf die Litfaßsäulen. So konnten wir uns von den Wänden lösen und dort Fotos und die Dokumention einer Initiative zur Erhaltung der barocken Innenstadt Potsdams zeigen.
Sperrholztafel mit dem politischen Testament von Frieder Schlotterbeck (1909–1979).
Der Kommunist wurde am 1. Dezember 1933 verhaftet, zu einer Zuchthaus-Strafe verurteilt und drei Jahre später ins KZ Welzheim verbracht. Am 28. August 1943 entließ ihn die Gestapo mit der Absicht, ihn als Lockspitzel zu benutzen. Am 4. Juni 1944 gelang ihm die Flucht in die Schweiz. Daraufhin wurden fast alle seine Familienangehörigen und mehrere Freunde eingekerkert und ermordet (Dokumente links neben der Tafel). Seine Frau Anne (1902–1972) und er zogen 1948 in die DDR. Bis 1951 wirkte Schlotterbeck als Stadtschulrat in Dresden, nach dem Ausschluss aus der SED wegen »Spionageverdachts« musste er im Uran-Bergbau arbeiten. Beide wurden 1953 verhaftet und zu langen Haftstrafen verurteilt, 1956 wurden sie vorzeitig entlassen.
Filme mit den Seiten der Dienstvorschrift Nr. 40/74 des Ministers des Innern und Chefs der Deutschen Volkspolizei über den grenz-überschreitenden Personenverkehr.
Das Ausstellungsobjekt visualisiert den Dschungel der »Versagungsgründe« und die Blackbox der Entscheidung über einen Antrag auf eine »Reise nach nichtsozialistischen Staaten und Westberlin«. Einen Rechtsanspruch hatten die Bürger:innen der DDR nicht.
1980 – 1989 · 10 Titelseiten des »Zentralorgans« der Staatspartei SED »Neues Deutschland« zum nach dem »Gedenktag für die Opfer des Faschismus« am ersten Sonntag im September
Genau dasselbe Bild ist’s nicht. In den 1980er-Jahren erlebte ich in der DDR neben der Militarisierung der Gesellschaft ganz oft Agonie. Wie Agonie visualisieren ? Da kam ich auf diese Idee mit den Zeitungen nach großen Festtagen. Ich hätte auch den 1. Mai nehmen können oder den »Nationalfeiertag« am 7. Oktober.
Dieses Zeitungs-Objekt stand in Nachbarschaft zur Schlotterbeck-Tafel. Eigentlich ist es doch gut, wenn an die Opfer des Faschismus erinnert wird. Dass das zum Ritual verkam und dermaßen inszeniert wurde, spricht dagegen. Aber soll gar nicht erinnert werden ?
Anderes Beispiel: Alle Kinder besuchten vor der Jugendweihe (statt Konfirmation oder Firmung) eine KZ-Gedenkstätte, dort erfuhren sie viel vom Widerstandskampf der Kommunisten, jedoch wenig vom Holocaust.
Auf einer neun Meter langen Sperrholzfläche sind Überschriften der »Berliner Zeitung« montiert. Alle beziehen sich auf Vorgänge während der Friedlichen Revolution, des Endes der DDR und der Vorbereitung auf den Beitritt zur BRD.
Alle Ausgaben zwischen dem 3. Oktober 1989 (vier Tage vor dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR) und dem 3. Oktober 1990 (Beitritt) sind dabei. Anordnung: Ganz links/oben die Ausschnitte aus den Montags-Ausgaben dieser 12 Monate bis nach rechts/unten hin zu denen vom Wochenende, Feiertage ergaben Lücken.
Eine Ausstellung zum Mauerfall ging für mich nicht ohne Eingehen auf die Monate danach – bis zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Für dieses Ende gab es 10 Jahre danach etliche Etiketten: »Erfüllung der Friedlichen Revolution«, »Übernahme durch den Westen«, »aus Schwäche verblichen«, »wäre ohne Einheit entvölkert«, »von den früheren Machthabern aufgegeben« usw.
Für die Monate nach dem Mauerfall gab es kein politisches Drehbuch, die Situationen waren oft instabil. Dafür steht die Welle aus dünnem Sperrholz.
Ich wollte vermeiden, dass meine Meinungen zum Anschlussprozess oder zu den für mich wichtigen Ereignisse präsentiert werden. Mit den anderen Ausstellungsobjekten bewegte ich mich ja in der Sphäre der Massenmedien, die einen radikalen Umbruch erfuhren: Von »Organen« der Staatspartei, also Propagandaschriften, zu Medien der Information.
Es gelang, alle Ausgaben ab 3. Oktober 1989 zu beschaffen. Wochenlang wateten Jens Lindner und ich durch Papierschnipsel, aus denen wir Überschriften auswählten und für jeweils einen Tag zusammenklebten. Diese Partien hintereinander anzuordnen, hätte ein Vor- und Zurücklaufen beim Wahrnehmen zur Folge gehabt, darum sechs Reihen für die Wochentage übereinander. Für die Ausstellungen anderswo rollten wir Sperrholz und Papierbänder ein und besorgten Zeitungsstapel vor Ort.
Ich sehe das Objekt als Plastik – das sage ich selten: als Kunst.